Von seiner Arbeit leben

Eigentlich wollte ich zu diesem Thema mal einen längeren Beitrag schreiben, dann wenn ich dazu Zeit habe. Allerdings ist dieses Thema momentan in den Medien angekommen und ich wäre ja schön blöd, diese Gelegenheit nicht zu nutzen.

Es geht ums Arbeiten in der Wissenschaft. Um Arbeitsverträge, Gehalt, Work-Life Balance. Gleich mal vorweg: Da sieht es nicht gut aus. Deswegen hat die „Initiative: Wissenschaft als Beruf – für bessere Beschäftigungsbedingungen und planbare Perspektiven“ eine Onlinepetition gestartet. Schade, dass erst etwa 11.000 Menschen unterzeichnet haben, die Petition läuft (nur?) noch 16 Tage.

Wo ist denn überhaupt das Problem? Die ganzen Profs sind doch festangestellt, kriege dicke Kohle vom Steuerzahler und drehen Däumchen. Hier mal ’ne Vorlesung, da mal ’n Seminar, das ist doch keine Arbeit. Doch. Ist es. Aber wir reden hier gar nicht von Professoren. Es geht hier um die, die es vielleicht noch werden wollen, die die die richtige Arbeit machen.

Leute wie mich. Noch bin ich Student und werde für meine Arbeit nicht bezahlt. Gerade in den Naturwissenschaften eigentlich auch schon ein Unding, denn eine experimentelle Bachelor- oder Masterarbeit ist durchaus mit einem ganz normalen Job vergleichbar.

Wenn ich im Sommer mein Masterstudium abschließe, werde ich hoffentlich schon eine Promotionsstelle gefunden haben. Wenn ich Glück habe, handelt es sich um eine Planstelle. Das bedeutet, ich bekomme einen Arbeitsvertrag über die gesamten drei Jahre meiner Promotion, vergütet nach TVL, also nach Tarif. Wenn ich richtig Glück habe, ist es eine 65% Stelle statt einer 50% Stelle. Das heißt im Klartext: Ich werde für 26 oder 20 Wochenstunden bezahlt, was aber nichts über meine tatsächlichen Arbeitszeiten aussagt. Viele Doktoranden arbeiten mehr als Vollzeit, 50-60 Stundenwochen sind nicht sonderlich ungewöhnlich, Wochenendarbeit für einige die Regel. Manchmal hört man das Argument, dass man ja nicht für die Promotion angestellt sei, sondern in den 20/26 Stunden Arbeit für den Chef/Arbeitgeber machen soll. Die Promotion sei ja persönliche Bildung, reines Vergnügen sozusagen. Dem widerspreche ich, denn zumindest bei „uns“ in den Naturwissenschaften ist meine Arbeit auch immer Arbeit für meinen Chef. Er übergibt mir ein Projekt, eine Fragestellung, steht mir dabei mit Rat (Es wäre gut, wenn wir noch…) und Motivation (Bist du eigentlich mit … schon fertig?) zur Seite und bekommt am Ende den Ruhm und die Annerkennung als Letztautor „meines“ nature-papers. Mit diesem Ruhm kann er dann wiederum Gelder einwerben, um neue Projekte an neue Doktoranden zu vergeben und bekommt gegebenenfalls sogar mal eine höhere Position angeboten. Im Klartext: Da gibt es keine Grenze zwischen „für den Chef“ und „für meine Doktorarbeit“.
Wenn ich übrigens richtig Pech habe, muss ich für die Promotion mein eigenes Geld mitbringen. Diverse Stiftungen und Organisationen vergeben Promotionsstipendien, die dann das volle Gehalt des Doktoranden und in seltenen Fällen auch einen Teil der Verbrauchsmaterialien abdecken. Zwar bekommt man so eine Vollzeitvergütung, zahlt aber zum Beispiel (immernoch-)nicht in die Rentenkasse ein. Außerdem muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er sich von einer weiteren Partei abhängig machen will.

Gehen wir mal davon aus, ich bekomme einen drei-Jahresvertrag, 50% TVL. Ich arbeite mich durch meine drei Jahre, verlängere eventuell um ein halbes (dafür bekomme ich dann einen 6 Monatsvertrag aus Drittmitteln) und dann? Dann bin ich Doktor. Die nächste Karrierestufe ist der Postdoc. Dabei mach ich genau das Gleiche wie vorher, darf jetzt aber zusätzlich noch andere Promotionsstudenten betreuen. Bezahlt wird dann hoffentlich für 40 Wochenstunden, die tatsächliche Arbeitszeit bleibt sicher darüber. Und nein, auch dann gibt es keine Bezahlung und keinen Zeitausgleich für Überstunden. Eine Postdocstelle ist in der Regel befristet. Manchmal auf 2-3 Jahre, manchmal nur 3-6 Monate. Es gibt wissenschaftliche Mitarbeiter, die alle drei Monate einen neuen Vertrag unterschreiben dürfen.

Wenn man an diesem Punkt mal rechnet, hat man 5 Jahre lang für ein Studium gezahlt, 3 Jahre völlig unterbezahlt gearbeitet und hangelt dann von befristetem Vertrag zu befristetem Vertrag. Zu diesem Zeitpunkt werde ich 26 sein, einige meiner Komilitonen und Mitpromovenden älter. Finanzielle Sicherheit? Das Wissen, auch in 2 Jahren noch in dieser Stadt einen Job zu haben? Fehlanzeige. Möchte man unter diesen Umständen Kinder bekommen? Vielleicht ein Haus kaufen? Schwierige Fragen.

Viele (ehemalige) Komilitonen und Kollegen beklagen diese Zustände. Gerade als Frau, wenn man sich Mitte zwanzig langsam wirklich Gedanken über Familie und Kinderwunsch macht, sind die Aussichten wenig ermunternd. Es muss sich was ändern. Wir brauchen Forscher (beiderlei Geschlechts), die mit Freude und Überzeugung bei der Sache sind, die Leistung bringen können, weil sie durch geregelte Arbeitszeiten auch den Ausgleich durch Freizeit haben und die jeden Tag ihr Bestes geben, in dem Wissen, von der Gesellschaft geschätzt zu werden.

Unter dieses schöne, wenn auch etwas kitschige Schlusswort möchte ich noch folgendes anmerken. Natürlich gibt es auch Jobs für mich außerhalb der klassischen akademischen Forschung. Es kann ja auch nicht jeder irgendwann Professor werden, so viele brauchen wir dann auch nicht. Es fehlt allerdings auch an Informationen darüber, welche Berufsbilder in der freien Wirtschaft mir offenstehen. Die spätere berufliche Perspektive ist im Studium selbst kein Thema, zumindest nicht von Seiten der Lehrenden. Selbst Arbeitsrecht oder ähnliches wird nicht unterrichtet. Deshalb wünsche ich mir zusätzlich zu dem, was die oben genannte Petition fordert, dass man nicht immer nur schwammig von „guten Jobchancen“ und „offenen Türen“ redet, sondern ehrlich informiert, was für Jobs das denn sind. Und jetzt kommt mir nicht mit dem „das kann man sich ja auch selber anlesen, wenn einen das interessiert“. Es geht mir auch darum, dass auch den Lehrenden klar ist, dass die jungen Menschen da sitzen, weil sie unter anderem am Ende einen guten Job wollen. Und dass nicht jeder von zuhause aus weiß, was es mit der „zwölf-Jahres-Regel“ auf sich hat.

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