Man muss schon bekloppt sein…

Um 5.30 Uhr dreißig klingelt der Wecker. Kurz vor sechs quäle ich mich aus dem Bett, ziehe mich an und frühstücke länger als geplant. Wie gut, dass mein Rucksack schon vorgepackt ist. Trotzdem komme ich zu spät bei meiner Familie an. Wir verladen alles ins Auto, Mama hat mir Brote geschmiert. Ich verkrieche mich auf der Rückbank. Wir holen noch einen Mitfahrer ab, dann versuche ich ein wenig zu schlafen.

Um 9.45 Uhr sitze ich auf meinem Hochsitz, der ein eigentlich nur ein recht wackliger Klappsitz ist. Ich ziehe mir zusätzliche Schichten über, eine artistische Meisterleistung auf dem kleinen Sitz, und beginne zu warten. Kurz nach zehn kommen die Treiber vorbei, sie haben schon Rotwild gesehen. Lange passiert nichts. Ich esse einen Teil meiner Brote und trinke ein wenig Tee aus meiner Thermoskanne. Ab und an fallen in einiger Entfernung einzelne Schüsse. Mir wird kalt.

Es ist noch eine Viertelstunde bis zum Schluss der Jagd. Mein Sitz befindet sich in der Nähe der Jagdgrenze, das heißt auf „der anderen Seite“ ist jemand anderes für die Jagd zuständig und ich darf Wild, dass dort herumläuft, nicht bejagen. Plötzlich nehme ich jenseits der Grenze Bewegung war. Im ersten Moment bin ich baff, dort kommen sehr große Tiere durch das Unterholz. Zwei Stück Rotwild! Zum Abschuss freigegeben sind nur Rotwildkälber, aber beide sind etwa gleich groß. Noch dazu bleiben die beiden sicher auf der anderen Grenzseite. Zwei gute Gründe, lediglich zu beobachten. Als die Beiden aus meinem Sichtfeld verschwinden, zittere ich vor Kälte und Aufregung. Zum Glück ist es ja nicht mehr lang! Ich habe mich gerade ein wenig beruhigt, da sehe ich wieder Bewegung im Unterholz. Eine Ricke mit Kitz zieht ganz entspannt dort lang. Sie bleiben geradeaus vor mir stehen und beginnen zu äsen (=fressen 😉 ). Auch die beiden befinden sich sicher auf der anderen Grenzseite, ich nehme also das Fernglas zur Hand und beobachte sie. Die jetzt im Winterfell fast grauen Rehe sind zwischen den kleinen Buchen und dem ganzen Laub nur schwer zu erkennen. Würden sie sich nicht ab und an ein wenig bewegen, hätte ich keine Chance sie zu beobachten. Als in einiger Entfernung zwei Schüssen fallen, treten die beiden langsam den Rückzug an, tiefer ins Unterholz.

Um 13.00 Uhr entlade ich meine Waffe und packe meine Habseligkeiten zusammen. Mein Vater, der ein Stück weiter weg saß, kommt vorbei. Auch er hat das Rotwild gesehen und ist der Meinung, ein Kalb wäre dabei gewesen. Wir gehen zum Weg, der die Grenze markiert, um uns zu vergewissern, dass die beiden außerhalb unserer Befugnis waren. Wir stehen gerade auf dem Weg, links von uns das Nachbarrrevier, rechts „unser“ Bereich. Keine 20 m vor uns taucht links ein ganzes Rudel Rotwild im Wald auf. Ich entdecke zuerst den Hirsch der dabei ist. Uns beide haben sie noch nicht wahrgenommen. Recht entspannt ziehen sie in einer Reihe vor uns über den Weg. Vorneweg das Leittier, eine erfahrene Hirschkuh, nach ihr ihr Kalb, das deutlich kleiner ist. Dann folgen drei weitere Stücken „Kahlwild“, mein Vater erkennt sie als zwei Alttiere und ein starkes Kalb oder schwaches Schmaltier (einjähriges, weibliches Tier). Zum Schluss trottet der Macho hinterdrein. Ein starker Hirsch. Ich zähle auf die Schnelle drei Geweihenden und eine kleine, dreizackige Krone auf jeder Seite. Das wäre dann ein 12-Ender! Wow! Fast über den Weg, bemerkt das Rudel uns doch und beschleunigt seinen Schritt. So schnell wie sie aufgetaucht sind, sind sie auch wieder verschwunden. Hätte ich eine Viertelstunde länger auf dem Hochsitz ausgehalten, wären sie direkt bei mir vorbeigekommen. So habe ich zwar keine Gelegenheit zum Schießen gehabt, allerdings ein beeindruckendes Naherlebnis mit diesen großen, majestätischen Tieren. Ich bin für die drei durchgefrorenen Stunden mehr als entschädigt.

Um 20.33 Uhr steige ich endlich ins Auto Richtung Heimat. Das Abendessen bei unserem Gastgeber hat sich wie erwartet in die Länge gezogen. So ist das halt, wenn man entfernte Verwandtschaft zur Jagd besucht. Ich werde jetzt zwei Stunden durch die Pampa und irgendwann über die Autobahn gurken, bevor ich endlich in mein Bett fallen kann.
Man muss für diese Jagdsache schon ein bisschen bekloppt sein.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s